Der Jäger von Loch Assynt

Der Angriff startet augenblicklich, nachdem wir hoch oben auf der Kyliesku Brücke aus dem Auto aussteigen. Schwärme von Midges überfallen uns und versuchen an unser Blut zu kommen – nichts wie weg hier. Der Himmel ist bedeckt, es ist windstill – ideales Wetter für diese Plagegeister. Unten im Glen des Loch Assynt, am kleinen Pier des Dorfes Kyliesku erreichen wir gerade noch das Boot für die Fahrt zum Wasserfall, mit 216 Metern Englands höchster Sturzbach. Ausser uns fahren mit: ein belgisches Paar, die ihren Porsche direkt am Pier geparkt haben, John der Skipper und Herald sein Steuermann. John, der smarter Engländer, der seit 6 Jahren während des Sommers hier lebt, bringt uns die Magie dieses Ortes näher. Wir sehen Seehunde hautnah, erfahren etwas über Langustenfischen und Muschelzucht und werden mit selbstgebackenem Shortbread versorgt, das alles bei inzwischen strömendem Regen im offenen Boot. Doch dann am anderen Ende des Loch Assynt  ganz nah beim Wasserfall wird es spannend. Ein einsames Haus steht dort, ein kleineres wenige Meter daneben. Hier lebte ein Jäger mit seiner Frau und seinen Söhnen. Zu der Zeit um 1900 spendete ein in Amerika zu Geld gekommener Schotte jeder Schule 5 Pfund für Schulbücher. Also wurde ein zweites Haus gebaut, eine Schule für die fünf Kinder. Zwei Zimmer befanden sich im Inneren des Gebäudes, der Unterrichtsraum und die Wohnung des Lehrers, wenn sich denn jemand finden konnte, der diese Abgeschiedenheit und Intimität, in der die Familie hier lebte, teilen wollte. Der erste Weltkrieg kam und die fünf Söhne zogen in den Krieg. Drei starben, einer erlitt einen Lungendurchschuss und kam als Kriegsversehrter zurück, einer überlebte. Er wurde Arzt, zog nach Glasgow und sein Sohn, der sich für die Laufbahn eines Poeten entschied, schrieb die Geschichte dieses besonderen Familiensitzes auf. Heute sind das Herrenhaus und die Schule verlassen, doch steht das kleinere Gebäude Wanderern als Schutzhütte zur Verfügung. Es würde mich reizen einen Sommer hier zu verbringen denke ich noch, da fallen mir wieder die Midges ein. Wir fahren nah an den Klippen vorbei, welche unterschiedlichen Farben Stein haben kann! Hier verlaufen die Schattierungen von grün über violett zu hell und schließlich dunkelgrau, an manchen Stellen überzogen von braunem Seegras wie von einem weichen Polster. Spuren vergangener Eiszeiten, die die Lochs in Schottland als Schmelzwasserpool zurückgelassen haben. Zurück am Pier verlockt uns das kleine Hotel zu einer heißen Tasse Tee mit Blick über den jetzt nebelverhangenen See.

Kyliesku

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