Stolz und Vorurteil in Brügge

Spätestens seit heute, spätestens seitdem wir uns im Stau auf der fünfspurigen Ringautobahn Antwerpen-Ost vorwärts gequält haben, eingeklemmt zwischen riesigen, klimatisierten, mit Druckluft gebremsten 7,5 Tonnern und ich mit unserem alten Wohnwagen dazwischen ständig die Spur wechseln muss, weil das Navi mal die eine und dann doch wieder die andere Fahrspur favorisiert – spätestens also, nachdem wir eine Ewigkeit stillgestanden sind, weiss ich: ich habe definitiv meine Komfortzone verlassen. Es ist anstrengend ja, das gebe ich zu und ich erkenne, dass ein Großteil der Anstrengung daher rührt, dass ich etwas ganz Wesentliches vergessen habe, was mich mein schon mein ganzes Leben lang begleitet. Ich kann nicht verstehen, wie es passieren konnte, das ich das aus den Augen verloren habe. Das Wissen, dass mich das Leben trägt. An die Stelle dieses Wissens sind Listen getreten und Überlegungen, wie ich es am besten schaffen kann alle Unwägbarkeiten auszuschalten, ob das Benzin reicht und ob wir gut in der Zeit liegen, ob die Anhängerkupplung sich löst oder nicht und ob wir die Fähre rechtzeitig erreichen. Ich mache mir sorgenvolle Gedanken, obwohl ich doch weiss, dass ich vollkommen sicher und aufgehoben bin, so wie immer in meinem Leben und alles, alles zum richtigen Zeitpunkt geschieht. Stress entsteht nicht durch das, was passiert, sondern dadurch, wie ich darauf reagiere. Und das gilt ja nicht nur für den Stau im Berufsverkehr, wenn das Navi mich durch eine Wohngegend mit Bodenwellen lotst oder mir einen U-turn mitten auf der Autobahn vorschlägt. Sondern auch, wenn ich streite und frustriert bin, weil etwas wieder mal nicht so gelaufen ist wie ich wollte und es geplant hatte. Loslassen, genau, es dem Leben überlassen, dass sich garantiert besser damit auskennt. Deswegen fahren wir den langen Weg in den Norden Schottlands ja, um dem Leben Gelegenheit zu geben uns zu überraschen! Deshalb gibt es heute zwei Erkenntnisse des Tages. Die erste lautet: das Leben trägt dich, erinnere dich einfach nur im rechten Augenblick wieder daran!

Fähre nach Hull

Die zweite Erkenntnis geht so: Ich stehe mit meinem Gespann als erste in der Reihe vor dem geöffneten Tor der Fähre, das mich so erwartungsvoll ansieht, wie das gefräßige Maul von Jonas´ Wal. Die junge Frau mit der gelben Warnweste winkt mich links herüber und bedeutet mir, die Rampe hoch zu fahren. RAMPE? NACH OBEN? MIT DEM WOHNWAGEN? Und das ist noch nicht alles, innen muss ich womöglich noch millimetergenau rangieren? Ich kriege nasse Hände. Soll ich den Allradantrieb zu schalten, damit ich diese Steigung schaffe? Und was, wenn ich fast oben angekommen bin und dann stoppen muss, oder rückwärts herunter rolle? Paul neben mir schlägt mir fachmännisch auf die Schulter und meint: Mum, du bist die beste Autofahrerin der Welt, du schaffst das! Also los, ich nehme Anlauf, fahre die Rampe hoch, der Hänger gleitet sanft mit nach oben, ich fahre rechts um die Kurve auf die Parkebene 2, ein Mann weist mich nach links ein, eine lange, freie Spur, ich lenke ein und habe genug Weg um den Hänger auszurichten, ein anderer winkt mich näher an das vor uns parkende Fahrzeug heran, Stopp, Daumen hoch, er lacht mich durch die Windschutzscheibe an, Motor aus, das wars. Das war alles. Kein Drama, nicht mal eine Herausforderung. Ich muss so laut lachen, dass der Hund anfängt zu bellen.

Erkenntnis Nummer zwei: Es sind nicht die Dinge selbst, sondern unsere Vorstellung davon, die uns schrecken und vielleicht sogar hemmen. Wie überflüssig!

Jetzt zuckelt die Fähre gemütlich Richtung England mit uns in ihrem Bauch. Fühlt sich gut an, das Leben ausserhalb der Komfortzone.

  4 comments for “Stolz und Vorurteil in Brügge

  1. 5. August 2016 at 10:15

    Hi Anna ! Your Blog is so fun ! Love u ! Lol Susanna starting into holydays now Too !! Yeah!!

    • Anna
      6. August 2016 at 8:47

      Thank you so much, Susanne! Have fun and keep on lol

  2. 6. August 2016 at 15:46

    top geschrieben!!! kann ich mir alles sehr gut vorstellen. dann mal rein ins wahre leben. susanne grüßt

    • Anna
      6. August 2016 at 20:38

      Danke Susanne! Ich wünsche dir ebenfalls viele gute vibes, damit die Feder fliegt!

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